Kampf um die Ressource

Der Arztberuf auf dem Prüfstand

Der Anteil der Vertragsärzte, die 60 Jahre und älter sind, betrug Ende 2011 über 23 Prozent. Prognosen der Ärzteverbände zufolge werden allein in diesem Jahrzehnt fast 72.000 Ärzte altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Der ambulante Bereich ist vom demografischen Wandel besonders betroffen. Besonders groß ist der Bedarf bei Allgemein- bzw. Hausärzten, bei Kinderärzten sowie Augen- und Hautärzten. Sigrid Marxmeier, Leiterin des Kompetenzzentrums Freie Berufe der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold, über die Zukunftsaussichten des Arztberufes ...

Frau Marxmeier, man liest und hört es überall – Ärztemangel, wohin man schaut. Ist der Arztberuf ein aussterbender Beruf?

Sigrid Marxmeier: Nein, ganz im Gegenteil. Vergleichsweise steigt die Zahl der Ärzte im Trend sogar an, wie das wissenschaftliche Institut der AOK feststellte. Der Anstieg ist vor allem dem zunehmenden Interesse von Frauen am Arztberuf zu verdanken. So stieg die Zahl der Ärztinnen seit 2000 um 37 Prozent, die der männlichen Kollegen nur um vier Prozent. Damit liegt der Frauenanteil inzwischen bei fast 44 Prozent. Und dieser Trend wird sich fortsetzen. Gut 61 Prozent der Medizinstudenten sind derzeit Frauen. Demgegenüber ist der Anteil der niedergelassenen Ärzte auf weniger als 28 Prozent gesunken. Die Gründe dafür sind: die wachsende Zahl altersbedingt ausscheidender Ärzte in der ambulanten Medizin, ein negativer Saldo aus Abwanderung und Zuwanderung sowie der anhaltende Trend zur Teilzeit nicht zuletzt aufgrund des weiter steigenden Frauenanteils.

Der zunehmende Ärztemangel könnte die Wachstumsperspektiven der Gesundheitswirtschaft vor allem im nächsten Jahr eintrüben. Wie kann man Ihrer Meinung nach diesem Trend gegensteuern?

Sigrid Marxmeier: Wir brauchen neben einer verbesserten Bedarfsplanung neue Technologien und Versorgungsstrukturen gerade in ländlichen oder strukturschwachen Gebieten. Auch sollte über eine Erleichterung der Zugangsvoraussetzungen zum Medizinstudium sowie eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachgedacht werden. Verbesserte Rahmenbedingungen, vor allem geringere Belastungen durch Bürokratie, könnten sich ebenfalls auswirken und den Trend zur Abwanderung von Ärzten stoppen. Nicht zuletzt gilt es, auf Zuwanderungen zu bauen. Hier hat die Politik inzwischen Weichen in die richtige Richtung gestellt. Darüber hinaus wäre wohl viel zu gewinnen, wenn die Effizienzreserven, die es nach Expertenansicht auch beim Personaleinsatz noch gibt, gehoben werden könnten.

Wie schätzen Sie die Aussichten für ältere niedergelassene Ärzte ein, die ihre Praxis verkaufen möchten?

Sigrid Marxmeier: Grundsätzlich ist Selbstständigkeit attraktiv, auch finanziell, und sie wird es langfristig auch bleiben. Ärzte müssen keine Sorge haben, sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen. Dennoch steigt für Ärzte, die ihre Praxis bald abgeben wollen, das Risiko, keinen Nachfolger zu finden. Für junge Ärzte, die sich selbstständig machen möchten, kann der demografische Wandel in den nächsten Jahren durchaus Chancen eröffnen. Diese sind jedoch in Abhängigkeit von der Fachrichtung und der Region sehr unterschiedlich verteilt. Die relativ hohe Versorgungsdichte, insbesondere in den Kernstädten, für bestimmte Facharztgruppen macht die Niederlassung dort wenig attraktiv. Eine reine Privatpraxis mag hier eine Alternative darstellen. Dagegen ist in vielen ländlichen Gebieten ein Arztmangel festzustellen. Ob sich die politischen Initiativen, die die Gründung von Praxen in ländlichen Gebieten wieder attraktiver machen sollen, auszahlen, bleibt allerdings abzuwarten. Durch den zunehmenden Nachwuchsmangel entwickelt sich der Markt für Arztpraxen zum Käufermarkt. Dies wirkt sich natürlich auf den Kaufpreis aus. Daher sollte man rechtzeitig an später denken und auch frühzeitig planen. Inwieweit der Verkauf der eigenen Praxis noch Teil der eigenen Altersvorsorge sein kann, hängt immer stärker von der Facharztrichtung und dem Standort ab. Die Praxisabgabe braucht eine gute Planung und damit auch einen zeitlich nicht zu unterschätzenden Vorlauf, denn nicht alle Maßnahmen wirken sich sofort aus.

Wie könnte diese Planung Ihrer Meinung nach aussehen?

Sigrid Marxmeier: Um auch weiterhin im Wettbewerb bestehen zu können, sollte man sich Gedanken machen, wie die Praxis weiterhin attraktiv bleibt. Eine Ausstattung mit modernen Geräten kann oftmals ein Pluspunkt beim Verkauf älterer Praxen sein. Gleichzeitig steigt aber auch der Wettbewerbsdruck. Zwar ist die Einzelpraxis mit knapp 67.000 (Stand 2010) noch immer die dominante Einrichtung in Deutschland. Für die Gemeinschaftspraxen sprechen Synergieeffekte wie Infrastruktur, gemeinsame Patientenkarte und Abrechnungen (Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV).

Ärzte sollten demnach nicht die Hände in den Schoß legen, sondern aktiv werden?

Sigrid Marxmeier: Richtig. Einer Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin zufolge planen mittlerweise drei von zehn Ärzten vor der Praxisabgabe einen Juniorpartner in die Praxis zu nehmen,
der nach und nach in die Übernahme hineinwachsen und sich in der Übergangszeit schon mit den Patienten bekannt machen kann. Es hat sich auch gezeigt, dass die Chancen beim Verkauf besser stehen, wenn man die Praxis in eine Kooperation einbringt, etwa in ein ärztliches Versorgungszentrum oder in eine größere Gemeinschaftspraxis, in der auch Teilzeitmodelle leichter umsetzbar sind. Dies wiederum käme den vielen Ärztinnen zugute. Aber auch die Teilnahme an einem Praxisnetz oder die Beteiligung an einer Teilgemeinschaftspraxis kann helfen, die Praxis im Wettbewerb gut aufzustellen, etwa durch ein koordiniertes, praxisübergreifendes Angebot von Selbstzahlerleistungen. Immerhin jeder Sechste will seine Praxis in diese Richtung weiterentwickeln. Eine Methode, den Praxisverkauf zu fördern, sind auch Investitionen, zum Beispiel in die EDV-Ausstattung oder in die Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter. Im September war Dr. Klaus Reinhardt, der Vorsitzende des Hartmannbundes, bei uns zu Gast. Er hat genau diese Punkte angesprochen. Auch der Hartmannbund sieht diese als eine Lösungsmöglichkeit an.

Also sollten sich Ärzte frühzeitig Gedanken über Investitionen und Finanzierungen machen?

Sigrid Marxmeier: Genau, und der Zeitpunkt kann derzeit nicht besser sein. Die Zinsen sind auf einem historisch niedrigen Niveau. Wichtig ist es natürlich, dass die Investition zur Praxisstrategie passt.

Wie unterstützt das Kompetenzzentrum Freie Berufe dabei?

Sigrid Marxmeier: Wir richten unsere Beratung nach der jeweiligen Lebensphase des Arztes aus. Unser Ziel ist es, Gesprächspartner für alle Finanzthemen zu sein, die im Laufe des Lebens auf den Kunden zukommen. Eine Lösung nach Schema F gibt es nicht. Zwar gleichen sich die einzelnen Bedarfsfelder natürlich in der jeweiligen Lebenssituation, aber jeder Kunde hat andere Prioritäten. Und die gilt es gemeinsam herauszuarbeiten und umzusetzen. Wir werden in unseren nächsten Magazinen zu den einzelnen Themen Lösungsansätze aufzeigen.

Vielen Dank für das Gespräch.