Zwei Jahrzehnte Notfallambulanz

Krankheiten richten sich nicht nach Öffnungszeiten. Also was tun, wenn die Bauchkrämpfe um 20:00 Uhr schlimmer werden? Oder wenn das Kind am Samstag hohes Fieber bekommt? Vor mehr als 20 Jahren schlossen sich Dr. med. Bernhard Becker, Facharzt für Allgemeinmedizin, früherer Notarzt, Notarztdienst-Beauftragter am St. Josefs-Krankenhaus Paderborn und ehemaliger Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Notfallambulanzen in Westfalen-Lippe, sowie sieben weitere Paderborner Mediziner zusammen und präsentierten die Antwort: Sie gründeten gegen vielfältigen Widerstand die erste Paderborner Notfallambulanz in privater ärztlicher Trägerschaft. Aus dieser ist nicht nur ein Erfolg geworden, sondern auch ein Vorbild für viele weitere Notfallambulanzen in Westfalen-Lippe.

Herr Dr. Becker, Sie waren 1996 Gründungsmitglied und anschließend langjähriger geschäftsführender Gesellschafter der privat betriebenen Notfallambulanz Paderborn GbR. Wie kam es zu dieser Gründung?

Dr. Bernhard Becker: Bis Anfang 1979 gab es für die medizinische Akut-Versorgung in Paderborn nur die Praxen der niedergelassenen Ärzte und die drei Akut-Krankenhäuser. Ins Krankenhaus ging man zu dieser Zeit in der Regel nur mit einer stationären Einweisung durch den behandelnden Arzt oder mit dem Krankenwagen. Für die Behandlung außerhalb der Sprechstundenzeiten gab es ausschließlich den ärztlichen Notdienst als Fahrdienst mittwochs, an Wochenenden und Feiertagen. Ab 1990 wurden von einigen Haus- und Kinderärzten dann die so genannten „Sitzdienste“ durch diensthabende Ärzte eingeführt. Die Patienten erfuhren durch einen Anruf bei der Feuerwehr, in welcher Praxis sie zu welchen Zeiten medizinische Hilfe erhalten konnten. Das war wegen der ständig wechselnden Standorte und Öffnungszeiten für die Patienten verwirrend und mit Unsicherheit verbunden.

Deshalb wurde bei uns die Idee der erweiterten ambulanten Notfallversorgung außerhalb der Praxisöffnungszeiten geboren, nach dem Prinzip: „Im nicht-lebensbedrohlichen Notfall erreichen Sie den ärztlichen Notdienst immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort täglich bis Mitternacht.“

Die Notfallambulanz also?

Dr. Bernhard Becker: Richtig. Die Namensgebung haben wir bewusst als Abgrenzung zu den Notaufnahmen der Krankenhäuser gewählt: Im Notfall ambulant in die Notfallambulanz. Nach sechsmonatiger Vorbereitungszeit konnten wir am 1. Oktober 1996 die Paderborner Notfallambulanz als allgemeinärztlich-internistische und kinderärztliche Anlaufstelle für akute Notfälle in einem alten Praxisgebäude an der Bahnhofstraße eröffnen.

Was haben andere Ärzte von Ihrer Idee gehalten?

Dr. Bernhard Becker: Viele unserer Kollegen waren skeptisch und fragten uns auch ganz offen, ob wir denn wirklich glaubten, die zehn Jahre mit der Notfallambulanz zu überleben, für die wir einen Mietvertrag unterschrieben hatten. Die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung verboten uns zunächst sogar, die Ambulanz außerhalb der Öffnungszeiten unserer Praxen zu betreiben. Dies musste erst juristisch geklärt werden.

Dr. Bernhard Becker: Wir waren uns unserer Sache sehr sicher, denn wir kannten die Bedürfnisse unserer Patienten. Es gab natürlich ein finanzielles Risiko. Schließlich war ich persönlich haftender Gesellschafter für die Investitionen und für diesen Zehn-Jahres-Mietvertrag. Doch ich habe damals mit dem Vorstand der Volksbank Paderborn gesprochen und ihm erklärt, was wir vorhaben. Er hat uns unterstützt und dann haben wir es gemeinsam gewagt.

Und wurden belohnt.

Dr. Bernhard Becker: Auf jeden Fall. Die Entwicklung der Notfallambulanz hat unsere Erwartungen weit übertroffen. Die Patienten haben dieses Angebot sehr schnell angenommen und „mit den Füßen abgestimmt“. Schnell hatten wir dann auch über 70 Ärzte mit an Bord, die den Dienst freiwillig neben ihrer Praxisarbeit leisteten.

Was eine absolute Besonderheit war, oder?

Dr. Bernhard Becker: Die Freiwilligkeit war unser Alleinstellungsmerkmal, das gab es so vorher nicht. Mit den Jahren setzte sich dann auch landesweit die einfache Erkenntnis durch, dass das Auftreten von Erkrankungen nicht auf die Praxisöffnungszeiten begrenzt ist. Durch die Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft der Notfallambulanzen in Westfalen-Lippe, deren Gründer und Sprecher ich war, konnten bis 2010 insgesamt 21 weitere Notfallambulanzen gegründet werden, so etwa in Soest, Hamm und Lünen. Schließlich griffen auch die Kassenärztliche Vereinigung und die Ärztekammer Westfalen-Lippe mit einer umfassenden Notdienstreform die Notwendigkeit der Verbesserung der Schnittstelle zwischen den Praxen und den Krankenhäusern auf. Sie verpflichteten alle niedergelassenen Ärzte zur Teilnahme am Sitzdienst in den Notfalldienstpraxen im oder am Krankenhaus. Seither sind 400 niedergelassene Ärzte im Notdienstbezirk Paderborn zur Teilnahme am Notfalldienst verpflichtet.

Welche Krankheitsbilder sind typisch für Patienten der Notfallambulanz? Und warum kommen die Patienten zu Ihnen?

Dr. Bernhard Becker: Typische Krankheitsbilder der jährlich gut 42.000 Notfall-Patienten in der Notfallambulanz sind akute Atemwegs-, Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie kommen in die Notfalldienstpraxis, weil sie außerhalb der Sprechstundenzeiten ihrer Hausärzte oder Kinderärzte und außerhalb des Krankenhauses dringend medizinische Hilfe benötigen. Und wahrscheinlich auch, weil bei uns in über 20 Jahren nie ein Dienst ausgefallen ist, auch nicht an hohen Feiertagen.

War die wachsende Inanspruchnahme der Notfallambulanz auch ein Grund dafür, dass Sie mehrfach umziehen mussten?

Dr. Bernhard Becker: Natürlich. Aber es zeichnete sich auch ab, dass zunehmend mehr Erwachsene und Kinder mit schwerwiegenderen Erkrankungen die Notfallambulanz aufsuchten und eine weitergehende Akut-Diagnostik oder gar eine sofortige stationäre Krankenhausbehandlung benötigten. Daraus entwickelte sich die Überlegung, die gemeinsame Notfallambulanz räumlich näher an die Kinderklinik und an ein Akut-Krankenhaus zu verlagern. Für eine optimierte Dienstleistung sollte gleichzeitig auch eine öffentliche Apotheke mit gleichen Öffnungszeiten in der Nähe gewonnen werden. Im Mai 2013 konnte durch das besondere Engagement eines Bauträgers nach nur einjähriger Bauzeit dann bereits das neue Gesundheitszentrum MediCo an der Husener Straße 48 am Brüderkrankenhaus St. Josef fertiggestellt werden.

Wie sieht die Situation der Notfallversorgung heute aus?

Dr. Bernhard Becker: Neben dem Notarzt-, dem ärztlichen Fahr- oder Hausbesuchsdienst und den Notfallambulanzen der niedergelassenen Ärzte wurden die Krankenhausambulanzen mehr und mehr zur vierten Säule der Notfallversorgung. Die Funktionsbezeichnung „Notaufnahme“ wurde durch „Notfallambulanz des Krankenhauses“ ersetzt. Und unsere bisherige „Notfallambulanz“ wurde zur „Notfalldienstpraxis“. Bis vor einigen Jahren war der spontane Gang in ein Krankenhaus zu einer ambulanten ärztlichen Untersuchung und Behandlung eher die Ausnahme. Das hat sich bundesweit grundlegend geändert. Ohne dass die Behandlungszahlen in den Notfalldienstpraxen rückläufig sind, steigt die Zahl der von den Patienten selbst initiierten ambulanten Notfallbehandlungen in den Krankenhäusern stetig an. Inzwischen sprechen zahlreiche ärztliche Krankenhausdirektoren von „verstopften Notfallambulanzen“, weil sie durch eine Vielzahl so genannter „Bagatell-Erkrankungen“ ihrer eigentlichen Aufgabe nicht mehr gerecht werden können.

Wie könnte man dieses Problem lösen?

Dr. Bernhard Becker: Nach meiner Einschätzung wäre eine Kombination aus telefonischer Beratung durch geschulte medizinische Fachkräfte unter der bundeseinheitlichen Notfalldienst-Rufnummer 116 117 und dem Angebot einer fachärztlich-orientierenden Untersuchung außerhalb der Krankenhausambulanzen „rund um die Uhr“, wie soeben vom Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vorgeschlagen, die sinnvollste Lösung. Eine telefonische Beratung zum richtigen Behandlungsweg im Notfall reicht als Entscheidungsgrundlage sicher nicht immer aus. Diese könnte ergänzt werden durch eine „Türhüter-Funktion“ bei durchgehender 24-Stunden-Öffnung einer Notfalldienst- oder Portalpraxis am oder im Krankenhaus.

Was bedeutet „Türhüter-Funktion“?

Dr. Bernhard Becker: Das bedeutet, dass der Patient in einer Notfalldienst- oder Portalpraxis am oder im Krankenhaus von einem niedergelassenen Facharzt untersucht wird, der über den weiteren Diagnostik- und Behandlungsweg entscheidet, also ob er zu seinem Hausarzt oder zu einem Facharzt in die Praxis gehen soll oder sogleich zur stationären Diagnostik und Behandlung ins Krankenhaus. Dabei ist die große medizinische und juristische Verantwortung des diensthabenden Arztes nicht zu unterschätzen. Sehr schnell könnte er sich dem Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung ausgesetzt sehen, wenn er einem Notfallpatienten die tatsächlich erforderliche medizinische Versorgung im Krankenhaus infolge einer  Fehlbeurteilung verweigern und dieser zu Schaden kommen würde.

Daher wird es, abgesehen von den Finanzierungsfragen, große Anstrengungen erfordern, eine ausreichende Anzahl von Notfalldienst-Ärzten zu finden, die gut ausgebildet, engagiert und motiviert in der Lage sind, das drängende Problem einer solchen priorisierenden Patienten-Steuerung über 24 Stunden an 365 Tagen bundesweit zu lösen.