Auswirkungen der Niedrigzinsphase auf die privaten Haushalte in Deutschland

Mit den jüngsten geldpolitischen Maßnahmen hat die Europäische Zentralbank ihren ohnehin stark expansiven Kurs weiter verstärkt. So sank der Leitzinssatz erstmals auf 0,00 Prozent. Diese Politik ist äußerst umstritten. Bundesbank-Präsident Weidmann weist darauf hin, dass das Risiko von Blasen an den Finanzmärkten wächst und der Druck zur Umsetzung der dringend notwendigen Reformen in den Mitgliedsstaaten sinkt. Aus Sicht der privaten Haushalte ist vor allem zu bemängeln, dass mit den geldpolitischen Maßnahmen ein Ende der seit Jahren andauernden Niedrigzinsphase noch weniger absehbar ist. Je länger das spärliche Zinsniveau fortbesteht, desto stärker ist auch die private Altersvorsorge bedroht.

Wenn man die finanziellen Folgen dauerhaft niedriger Zinsen für die privaten Haushalte quantifizieren will, stellt sich die Frage, was als „normales“ Zinsniveau angesehen werden kann. Um das herauszufinden, bietet es sich an, die historische Entwicklung am Beispiel der durchschnittlichen Umlaufrendite inländischer Schuldverschreibungen genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Umlaufrendite ist nicht nur als Indikator für das allgemeine Zinsniveau gut geeignet. Sie hat auch den Vorteil, dass über einen sehr langen Zeitraum vergleichbare Daten vorliegen.

Umlaufrendite und Realzins 1955 bis 2015

Dabei lässt sich die Entwicklung seit Mitte der 50er Jahre in drei Phasen einteilen:

Erste Phase 1955 bis 1997 inflationsbedingt hoher Durchschnittszins
Umlaufrendite 7,3 %
Zweite Phase 1998 bis Mitte 2009 frei von Inflationsereignissen und Krisen
Umlaufrendite 4,2 %
Dritte Phase Mitte 2009 bis heute Krisenausbruch
Verstärkung der geldpolitischen Maßnahmen
Zinsen auf historischen Tiefständen
Durchschnittszinsniveau 1,6 %

Wirkungen niedriger Zinsen

Von niedrigen Zinsen gehen vielfältige Wirkungen auf die privaten Haushalte aus. So stehen den Nachteilen geringerer Zinseinkünfte aus verzinslichen Anlagen Vorteile bei Zinszahlungen für Kredite gegenüber. Auch steigende Aktienkurse und Immobilienpreise, die sich aufgrund von Ausweichreaktionen der Anleger ergeben, können sich vorteilhaft auf die Wertentwicklung des privaten Vermögens auswirken. Im Folgenden sollen die Auswirkungen niedriger Zinsen auf Einkommen, Kreditkosten und Wertentwicklung bei Aktien und Immobilien aufgezeigt werden.

Einkommenseffekt: Auf der Einlagenseite der privaten Haushalte in Deutschland summieren sich die Zinseinbußen im Betrachtungszeitraum auf insgesamt 147,6 Mrd. Euro. Bei den Rentenwerten beliefen sich diese auf 42,8 Mrd. Euro und im Versicherungsbereich addieren sich die Zinseinbußen auf 70,4 Mrd. Euro.

Im Jahr 2008 erreichten die privaten Haushalte in Deutschland noch ein Einkommen aus der Verzinsung von Einlagen, Rentenwerten und Versicherungen von fast 120 Mrd. Euro. Obwohl die entsprechenden Geldvermögen seit dem um rund 30 Prozent gewachsen sind, dürften die Zinseinkommen als Folge des anhaltenden Niedrigzinsniveaus im laufenden Jahr auf rund 63 Mrd. Euro fallen.

Zinseinkünfte* privater Haushalte in Deutschland 1994 bis 2016

Kreditkosteneffekt: Durch das Gewicht der langfristigen Immobilienkredite schlagen sich Zinssenkungen in der Gesamtverschuldung privater Haushalte verzögert nieder. Die Verschuldung der privaten Haushalte bei Banken beläuft sich aktuell auf rund 1,6 Billionen Euro, für die im Durchschnitt 3,9 Prozent Zinsen anfallen. Im Zeitraum von 2010 bis 2015 steht den Gesamtzinseinbußen auf der Anlageseite in Höhe von 260,8 Mrd. Euro eine Zinsersparnis bei Krediten von 108,4 Mrd. Euro gegenüber.

Preiseffekt bei Aktien und Immobilien: Private Haushalte und institutionelle Investoren suchen bei unbefriedigendem Zinsniveau nach Alternativen. Hierzu zählen Aktien, Aktienfonds oder Sachinvestitionen in Form von Immobilien. Wenn zinsbedingt Geldvermögen in größerem Umfang in Immobilien und Aktien umgeschichtet werden, kann das die Preise auf diesen Märkten in die Höhe treiben. Der seit 2010 beobachtbare Preisauftrieb am Wohnungsmarkt in Deutschland ist zum Teil hierauf und auf die günstigen Kreditzinsen zurückzuführen.

Vermögenseffekt: Häufig sind die Geldanlagen der Bürger so gestaltet, dass Zinserträge wieder angelegt werden. Das gilt für Bankeinlagen, Versicherungen und Investmentfonds. Dadurch fließt ein Großteil der Zinseinkünfte direkt in die Ersparnis. Für die Vermögensbildung hat die Niedrigzinsphase der letzten Jahre nicht nur dazu geführt, dass die Geldvermögensbildung seit 2010 nur mäßig gewachsen ist. Um das Niveau halten zu können, mussten die privaten Haushalte auch einen immer größeren Teil in Form neuer Ersparnis – insbesondere aus dem laufenden (Arbeits-) Einkommen – beisteuern. Der „Verzinsungsanteil“ der Geldvermögensbildung ist von 73 Prozent in  2008 auf nur noch 31 Prozent im letzten Jahr gefallen.

Struktur der Geldvermögensbildung privater Haushalte 2000 bis 2015*

Auswirkungen auf das Sparverhalten

Trotz niedrigem Zinsniveau lässt sich in der Praxis sehen, dass die Sparquote privater Haushalte (der Teil des Einkommens, der gespart wird in Prozent) in Deutschland 2014 tatsächlich auf 9,5 Prozent gestiegen ist. Und auch im letzten Jahr erhöhte sich der Teil des verfügbaren Einkommens, der gespart wurde, weiter auf 9,7 Prozent. Ein Großteil der frei werdenden Mittel fließt in Sichteinlagen, deren Anteil am gesamten Geldvermögen von knapp elf auf über 20 Prozent wuchs. Das hohe Volumen „zwischengeparkter“ Finanzmittel, das inzwischen aufgelaufen ist, verdeutlicht den gigantischen Geldanlagestau, der sich aus der Kombination anhaltend niedriger Zinsen und traditioneller Risikoscheu der Privatanleger in Deutschland ergibt.  

Sparquote* privater Haushalte in Deutschland 1997 bis 2015

Fazit

Dass die Bürger keine übertriebenen Risiken eingehen und den wegbrechenden Zinseinnahmen durch verstärktes Sparen entgegenwirken, ist eine angemessene Reaktion auf die Niedrigzinsphase – vor allem auch im Hinblick auf die private Altersvorsorge. Die Probleme, denen sich die Anleger ausgesetzt sehen, resultieren zum Teil jedoch aus einer einseitigen Portfoliomischung zugunsten zinsabhängiger Anlageformen. Das erschwert die Kompensation von Zinseinbußen in Zeiten niedriger Zinsen. Langfristig könnte daher eine ausgewogenere Portfoliostruktur, die neben Zinseinnahmen auch stärker Dividendenerträge und Kursgewinne ermöglicht, Abhilfe schaffen.

Mit einer durchschnittlichen Dividendenrendite am deutschen Aktienmarkt von ca. drei Prozent (DAX 30) und am europäischen Aktienmarkt von knapp vier Prozent (EuroSTOXX 50) spricht vieles für ein Engagement in Dividendentiteln. Denn nur durch die Verteilung der Vermögenswerte auch auf diese ertragreicheren Anlageklassen können in einem breit gestreuten Portfolio nachhaltig Erträge generiert, Chancen vermehrt und Risiken eingegrenzt werden. Dabei gilt: Je länger der Anlagehorizont, desto besser die Resultate!

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