Die Welt im Wandel

Phase des Wirtschaftsaufschwungs bis 2007

Vor 2007 gab es einen lang anhaltenden Wirtschaftsaufschwung und einen stark zunehmenden Welthandel. Zusammen mit den Produktivitätszuwächsen waren die Inflation über Jahre hinweg niedrig und die globalen Wachstumsraten mit rund fünf Prozent recht hoch. Dabei profitierten allerdings nicht alle Länder und Gesellschaftsgruppen gleichermaßen von der Globalisierung. Die großen Gewinner waren die Schwellenländer inklusive China („verlängerte Werkbank“), während in den Industrieländern bestimmte Wirtschaftszweige und deren Berufsgruppen in Bedrängnis kamen und von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt wurden. Allerdings stand die Verteilung des Vermögens in den Gesellschaften in dieser Zeit weitestgehend nicht zur Diskussion.

Finanzkrise offenbarte strukturelle Unterschiede

Das Ende der langen Wachstumsperiode kam abrupt mit dem Kollaps des US-amerikanischen Immobilienmarktes. Zu diesem Zeitpunkt wurden dann auch die negativen Seiten der globalen Verflechtung offen sichtbar: Weltweit mussten Rettungsbemühungen für Banken gestartet werden. Anschließend griff die europäische Staatsschuldenkrise um sich. Seit der Finanzkrise 2008 verzeichnete der Welthandel nur noch ein schwaches Wachstum. Die Wohlstandsgewinne, die früher mit der zunehmenden Globalisierung zu verzeichnen waren, blieben aus.

Gleichzeitig brachen strukturelle Schwächen der Länder hervor, die zuvor durch hohe Wachstumsraten, niedrige Kreditzinsen und hohe staatliche Ausgaben auf Pump überdeckt wurden (deficit spending). Im Euroraum folgte eine Krise, die hauptsächlich durch genau diese strukturellen Unterschiede zwischen den einzelnen Euroländern verursacht wurde. Der Status quo hatte sich verändert. Der Euroraum (und auch die Welt) teilte sich nun in zwei Teile: in Länder mit einer sehr niedrigen Arbeitslosigkeit und stabilem Wachstum und Länder mit hoher Arbeitslosigkeit und nur schwachem Wachstum.

Industrie 4.0 – Herausforderung „Digitalisierung“

Parallel dazu entwickelte die Digitalisierung eine ungeahnte Dynamik in allen Wirtschaftsbereichen. Diese hat nach wie vor nichts von ihrer Bedeutung verloren. Die Wirtschaft steht an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution. Durch das Internet getrieben, wachsen reale und virtuelle Welt zusammen. Damit einhergehend verändern sich die Produktions- und Arbeitswelten. Einfache Arbeiten werden zunehmend von Computern und Maschinen übernommen. Dieses Phänomen ist in der Geschichte des technischen Fortschritts eigentlich nicht neu. Allerdings wächst der Anteil der Menschen, die zu den Verlierern dieses Prozesses gehören, stetig.

Politischer Wandel

Die tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen beeinflussten natürlich auch die Stimmung in der Bevölkerung. Durch die strukturellen Versäumnisse in vielen Ländern, die hohe Arbeitslosigkeit und die Digitalisierung stiegen die Verlustängste der Menschen deutlich an. Dies hat sie empfänglich für Ideen gemacht, die sich gegen eine Verflechtung der Weltwirtschaft bis hin zur Abschottung richten. Immigration, Mobilität und internationaler Handel werden negativ gesehen. Entsprechende Parteien und Bewegungen haben an Popularität gewonnen, zum Beispiel in den USA (Trump-America first), Großbritannien (Brexit), Türkei, Polen oder Italien (Fünf-Sterne-Bewegung).

All dies führt zu einer sich politisch und wirtschaftlich rasch wandelnden Welt. Der Globalisierungsprozess stockt, der Nutzen von Handelsverträgen wird in Frage gestellt. Die Folgen für die Volkswirtschaften dürften bald spürbar sein.

Ausblick

Wichtig für die weitere wirtschaftliche und politische Entwicklung wird die Beantwortung zweier Fragen sein: Zum einen muss man sich im politischen Entscheidungsprozess verstärkt um Verteilungsfragen kümmern. Wachstum muss über die Zeit mehr Gewinner als Verlierer haben, ansonsten setzen die zugrundeliegenden Wirtschaftsmodelle ihre demokratische Basis aufs Spiel. In diesem Zusammenhang gilt es neue Lösungsmodelle zu entwickeln, die sich mit der zunehmenden Digitalisierung und den daraus folgenden Verteilungswirkungen beschäftigen.

Zum anderen muss entschieden werden, wie es mit dem Euroraum weitergehen soll. Die Länder müssen sich strukturell aufeinander zu bewegen. Dies funktioniert aber nur, wenn auch die Länder die entsprechenden strukturellen Anstrengungen unternehmen. Alternativ dazu könnte man eine breit angelegte Transferunion installieren. Dieses Konzept findet jedoch keine gesellschaftliche Mehrheit in den Ländern, die dann die fälligen Zahlungen zu leisten hätten. Somit muss man sich auch perspektivisch ernsthaft mit alternativen Szenarien beschäftigen, in denen einzelne Länder den Euroraum verlassen. Folglich gilt: Wenn Europa hier nicht die richtigen Antworten findet, dann dürfte eine längere Phase mit hoher wirtschaftlicher und politischer Volatilität vor uns liegen, die auch Anlageentscheidungen schwieriger macht.