Kleine Zinsen, große Sorgen

Sind die Anlagerichtlinien erst einmal festgelegt, sollten die nachfolgenden Grundüberlegungen zur Erhöhung der Erträge hilfreich sein.

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank erlebt einen neuen Höhepunkt. Seit längerer Zeit verharrt der festgesetzte Leitzins starr bei 0 Prozent, die Zinslandschaft für Kapitalanleger ist seit Jahren geprägt von immer weiter rückläufigen Renditen. Von dieser Entwicklung sind auch und vor allem Stiftungen betroffen, sie gehören zu den großen Verlierern dieser Zinspolitik. Stiftungen sind Ausdruck bürgerlichen Engagements, die überwiegende Anzahl leistet wichtige gesellschaftliche Beiträge in vielfältigen sozialen, kirchlichen und mildtätigen Bereichen. Da viele Stiftungen nicht über nennenswerte Spendeneingänge verfügen, können sie ihre ureigenen Stiftungszwecke zumeist ausschließlich durch die Verwendung der erwirtschafteten Kapitalerträge aus dem Stiftungsvermögen erfüllen.

Und das gestaltet sich zunehmend immer schwieriger: Hochverzinsliche Anleihen und bis dato rentable Bankeinlagen im Kapitalstock der Stiftung laufen nach und nach aus bzw. werden fällig. Die Hauptaufgaben des Stiftungsvorstandes bestehen auf der einen Seite darin, ausreichende Ausschüttungen zu generieren, auf der anderen Seite aber auch, das Vermögen der Stiftung zu erhalten und zu mehren. Durch eine Neuanlage wird derzeit allerdings oft das Gegenteil erreicht, da im rein konservativen Anlageuniversum praktisch keine positiven Renditen mehr zu erzielen sind. Liegt die Inflationsrate über dem vereinbarten Zins, ist eine schleichende Abschmelzung, also ein realer Vermögensverlust die Folge. Zusätzliche Probleme können aus „festen“  langfristigen Verpflichtungen der Stiftung in unterstützten Projekten entstehen.

Es ist an der Zeit, die Anlagestrategie zu überdenken. Die in der Vergangenheit durchaus erfolgreiche Anlagepolitik in vermeintlich sicheren Geldanlagen funktioniert in diesem Zinsumfeld nicht mehr. Will der Stiftungsmanager auch zukünftig die Aufgaben des eigentlichen Stiftungszweckes erfüllen, für die die Stiftung einst gegründet wurde, ist eine Anpassung in diesem Bereich angeraten. Die Lösung des durch die Nullzinspolitik verursachten Dilemmas liegt auf der Hand: Eine sinnvolle und ausgewogene Beimischung von Substanzwerten, wie zum Beispiel Aktien bzw. aktienähnlichen Instrumenten, alternativen Investments sowie Sachwerten im Finanzvermögen lassen die Renditeaussichten und die Ausschüttungserträge steigen.

Dennoch werden Stiftungsgelder traditionell nach wie vor überwiegend im „sicheren“ Anlagebereich positioniert. Verantwortliche Stiftungsvorstände scheuen sich davor, das ihnen treuhänderisch überlassene Kapital schwankungsbehaftet anzulegen, denn schließlich können Sie im Falle von realisiertem Vermögensverlust bei grober Fahrlässigkeit gegebenenfalls persönlich haftbar gemacht werden.

Um Haftungsrisiken aus Kursverlusten zu begegnen, ist die Erstellung von Anlagerichtlinien für das Stiftungskapital unbedingt empfehlenswert. Diese schaffen Transparenz für die interessierte Öffentlichkeit, die Stiftungsaufsichtsbehörde und nicht zuletzt für potenzielle Zustifter, die selbstverständlich wissen möchten, wie das Kapital verwaltet wird.

Die Erfahrung zeigt, dass viele Stiftungen noch nicht über eine schriftliche Fixierung der eigenen Anlagestrategie verfügen, Entscheidungen über die Kapitalanlage werden von den Verantwortlichen „nach Bauchgefühl“ und oft ohne professionelle Beratung getroffen. Hier besteht Handlungsbedarf.

In den Anlagerichtlinien wird ausführlich definiert und dokumentiert, welche Anlageklassen mit welchem Anteil im Vermögen beigemischt werden dürfen, um langfristig das Stiftungsvermögen zu erhalten, zu mehren und ausschüttungsfähige Erträge zu erwirtschaften.

Aktien

An der Beimischung von Aktien bzw. Aktienfonds wird wohl kaum ein Weg vorbeiführen, um die gesteckten Ziele zu erreichen, denn die durchschnittliche Dividendenrendite im deutschen Index DAX liegt aktuell bei ca. 3 Prozent, die der europäischen EURO STOXX/Titel liegt mit ca. 3,8 Prozent sogar noch darüber. Insofern bieten defensive Aktien, die eine nachhaltige Dividendenpolitik erwarten lassen (sogenannte Dividendenaristokraten), interessante Anlageperspektiven.

Aktienähnliche Instrumente

Klassische Discountzertifikate bzw. Aktienanleihen können als Einstiegsinstrumente in den Aktienmarkt fungieren. Sie schirmen mit einem Risikopuffer negative Aktienmarktentwicklungen bis zu einer festzulegenden Höhe ab und bieten gleichzeitig interessante Renditechancen. Diese können durchaus bis in den Bereich historischer Aktienrenditen hineinreichen. Wichtig ist hierbei, dass das Ziel hoher Cashflows nur mit Aktienanleihen, nicht aber mit Discountzertifikaten verfolgt werden kann.

Immobilien

Ausgewählte offene Immobilienfonds bieten einer Stiftung auch heute noch die Chance auf ordentliche Erträge von mehr als 2 Prozent. Da diese jährlich ausgeschüttet werden, sichern sie die Umsetzung des Stiftungszweckes.

Nachhaltigkeitsfilter

Bei der Auswahl von Einzelanlagen besteht die Möglichkeit, sogenannte Nachhaltigkeitsfilter in den Selektionsprozess mit einzubinden. Unter Berücksichtigung der drei Bereiche Umwelt, Soziales und Unternehmensführung setzt der Anleger auf nachhaltige Geschäftsmodelle. Hierdurch werden Eventrisiken vermindert, ohne auf Renditechancen zu verzichten.

Vermögensverwaltungen versus Eigenentscheider

Bei der Entscheidungsfindung im Anlageprozess setzen immer mehr Stiftungen unter anderem auf die professionelle Vermögensverwaltung. Gerade bei den schwankungsreicheren Assets im Vermögen kann auf diesem Wege auf umfangreiches Fachwissen von Anlageexperten zurückgegriffen und Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden. Die schwankungsarmen Anlageklassen dagegen werden, unter anderem aus Kostengründen, gerne selbst verwaltet.

Aus unseren obigen Grundüberlegungen bleibt zu konstatieren, dass bei der qualifizierten, strukturierten Kapitalanlage die Unterstützung und Zusammenarbeit mit vertrauensvollen Partnern empfehlenswert ist. Denn das passende Konzept sollte immer maßgeschneidert und so individuell und vielfältig ausgestaltet sein wie die Stiftungen selbst. Insofern müssen Stiftungsmanager sich aufgrund der „kleinen Zinsen“ eben keine „großen Sorgen“ machen. Viel hilfreicher erscheinen uns umfassende Gedanken auf neuen Wegen.

 

 

Erschienen in „SERVICE-SEITEN Finanzen, Steuern, Recht" , Ausgabe 2017