20 Jahre Förderpreis „Junge Kunst“

Im Jahr 2014 feierte der Förderpreis „Junge Kunst“ der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold-Stiftung sein 20-jähriges Bestehen. Der Förderpreis zeichnet junge Menschen aus, die herausragend sind in dem, was sie tun. Er bietet ihnen eine Bühne, um sich fachlich wie persönlich weiterzuentwickeln – im besten Sinne des genossenschaftlichen Prinzips „Hilfe zur Selbsthilfe“. Zum Jubiläum des Förderpreises haben Volksbank und Jury die Ausschreibungsbedingungen den neuesten gesellschaftlichen Trends angepasst sowie den Gesamtförderbetrag von 12.000 auf 15.000 Euro erhöht. Die Stiftung vergab 2014 erstmals gleich zehn Preise in drei Altersklassen an junge Kreative in den Kategorien „Malerei/Bildhauerei/Grafik“, „Musik/Komposition/Tanz“, „Kurzfilm/Experimentalfilm“, „Fotografie/Design“ sowie „Literatur/Sprache“. Mehr als 192.000 Euro stellte die Stiftung in den vergangenen Jahren für den Förderpreis bereit. Seit 1995 hat sie 95 Nachwuchskünstler und Künstlergruppen dabei unterstützt, sich erfolgreich zu verwirklichen. Der Ursprungsgedanke des Förderpreises, junge Menschen zu ermutigen, ihren eigenen künstlerischen Weg zu gehen, bleibt ein Fortschritt – auch in Zukunft.

Vom Reiz des Verfalls

„Take nothing but pictures. Leave nothing but footprints“ – so lautet der Codex der Urban-Explorer-Szene. Eine von ihnen ist Angelina Mertens, Gewinnerin des Förderpreises „Junge Kunst“ 2014 in der Kategorie „Fotografie“.

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Sie erkunden verlassene Einrichtungen und Häuser und dokumentieren den natürlichen oder unnatürlichen Verfall. „Urban Explorer“ wie Angelina Mertens halten die Brüchigkeit in ihren Fotografien fest, drehen Videos darüber oder schreiben Geschichtstexte. Obgleich erst 16 Jahre jung, streift Angelina schon länger durch alte Abrisshäuser und hält fest, was kurz vor der Vernichtung steht. „Ich möchte mit meinen Bildern Geschichten aus einer vergangenen Zeit erzählen, Erinnerungen wach werden lassen und den Betrachter dazu anregen, sich seine eigene Geschichte auszumalen“, bringt sie ihre Absichten auf den Punkt. Ganz bewusst versucht sie, in ihren Fotografien Emotionen zu transportieren. „Meine Eindrücke sollen den Betrachter fesseln, faszinieren und zum Denken anregen“, erklärt die junge Frau.

Fotografie ist seit einigen Jahren Angelinas Leidenschaft. Für Graffitis, die im abblätternden Raumambiente ein Zeugnis früherer Jugendkultur liefern, hat sie ein spezielles Faible entwickelt. Dabei geht sie weit über das bloße Abfotografieren einstiger Wandgestaltungen hinaus. „Was bei Angelina Mertens beeindruckt, ist ihr räumliches Sehen, ihr ästhetisches Raumgefühl an sich, ihr Spiel mit dem ungewöhnlichen Ambiente einer zerfallenden Welt sowie der Balanceakt zwischen den Zeiten“, heißt es in der Laudatio der Jury des Förderpreises „Junge Kunst“. „Mit ihren Bildern verbindet sie die Vergangenheit und den Fortschritt in einer ganz eigenen Art und Weise und eröffnet damit dem Betrachter neue Perspektiven.“

Angefangen hat alles damit, dass Angelina von ihrer Mutter eine Digitalkamera geschenkt bekam. Bei ihren Wochenendausflügen machte die Familie viele Städtetouren und besichtigte alte Schlösser und Burgen. Um die Aufnahmen zu verbessern, erhielt das Mädchen schließlich eine Spiegelreflexkamera. Sie fotografierte damit unzählige leerstehende und verfallene Objekte und lernte dabei den Blick für das Besondere. „Alte Gebäude erzählen immer eine Geschichte. Es ist wie bei einer Schatzsuche. Was wird man entdecken? Was wird man wahrnehmen? Man fühlt sich, als ob einem eine alte Frau an einem kalten Wintertag vor dem Kaminfeuer Geschichten aus
der Vergangenheit erzählt. Schöne, traurige oder auch gruselige Geschichten“, erklärt Angelina. „Zum Teil hat man den Eindruck, die Eigentümer hätten ihr zu Hause fluchtartig verlassen, da die Gebäude noch eingerichtet sind. Im Gegensatz dazu signalisieren dann aber eine dicke Staubschicht, Spinnenweben oder Vogelnester die Zeichen des Verlassenen.“

Angelina Mertens hat noch viele Fragen, die sie für sich künstlerisch, schulisch und privat in den nächsten Jahren klären wird. Zurzeit besucht sie das Internat Morgenberg im thüringischen Walschleben. Dort will sie ihren Realschulabschluss machen. Für die Zeit nach der Schule hat sie noch keine genauen Pläne. Fest steht für sie nur, dass sie im Bereich der Fotografie arbeiten und vielleicht auch irgendwann einmal ein eigenes Fotostudio haben möchte.

Durch den Förderpreis „Junge Kunst“ ist Angelina in der komfortablen Lage, ihr Talent noch weiter zu vervollkommnen. „Ich möchte mich weiter an der Kamera ausprobieren, viele neue Objekte anfahren und dieses Jahr noch einige Fotoseminare besuchen“, sagt sie. Dafür hat sie sich bereits eine neue Spiegelreflexkamera gekauft.

Dass ihre Kunst manchen Menschen noch zu skurril erscheint, entmutigt die Schülerin nicht. „Fortschritt ist für mich das Wagen von Neuem, ohne das Alte aus den Augen zu verlieren. Beim Fotografieren bedeutet das aber beispielsweise auch, alte Muster zu verlassen und auch mal etwas Neues zu probieren und zu bewegen. Ich habe den Eindruck, dass viele noch nicht offen sind für meine Beiträge“, gesteht sie. Zuversichtlich vertraut sie jedoch ganz auf den Fortschritt der Zeit und konzentriert sich bis dahin darauf, weiter mit und an ihren Kunstwerken zu wachsen. Ihre „Fußspuren“ – die „footprints“ der Urban Explorer – hat sie 2014 bereits beim Förderpreis „Junge Kunst“ hinterlassen.

Die Leichtigkeit des Könnens

2013 gründete Sebastian Müller die Sebastian-Müller-Band. Der erste bedeutende Fortschritt stellte sich 2014 ein – mit dem Förderpreis „Junge Kunst“ der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold-Stiftung.

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Am besten wäre es, wenn alles so bleibt“, erklärt Sebastian Müller auf die Frage, was er nach seinem Tonmeisterstudium an der Hochschule für Musik Detmold machen möchte, zufrieden. Auch wenn er den Fortschritt liebt – der 26-jährige „Bachelor of Music“ genießt den Moment. Gerade schreibt er an seiner Masterarbeit und darf sich bald schon „Master of Music“ nennen.

„Eigentlich ist die Band aus einer Laune heraus entstanden“, erzählt der junge Musiker lachend. Seit dem zwölften Lebensjahr hat er in verschiedenen Bands in seiner Heimatstadt Alzey bei Mainz Klavier gespielt. „Nach dem Abitur hatte ich Lust, etwas mit Musik zu machen. Eher zufällig las ich im Internet von dem Tonmeisterstudium.“ Müller bewarb sich und bestand. 2008 begann er sein Studium in Detmold. Das Musikmachen blieb zunächst auf der Strecke. Im Herbst 2013 stellte er eine neue Band zusammen: Studierende der Musikhochschule – Sänger, Bläser und eine Rhythmusgruppe. „Das Schöne bei uns ist, dass es kein Müssen, sondern nur ein Können gibt“, sagt Sebastian Müller. „Das macht alles leichter.“

Die Ideen für seine Stücke kommen eher zufällig. Manchmal auch mitten in einer Unterhaltung. Die unterbricht er dann, um seine Gedanken auf Papier zu bringen oder am Klavier auszuprobieren: „Dann kann es sein, dass ich die ganze Nacht arbeite und ein Stück, über das ich vorher tagelang gegrübelt habe, morgens fertig ist.“ Aber nicht immer entstehen neue Ideen oder Lieder einfach nebenher. Eine Band mache da vieles leichter, meint Müller. „Man motiviert sich gegenseitig, hat gemeinsam einen schönen Auftritt, nimmt zusammen Stücke auf. Das ist ein super Gefühl.“

Mit Fortschritt verbindet Sebastian Müller ausschließlich Positives. Veränderungen gehören für ihn zum Leben. „Mir ist es wichtig, Sachen zu machen, die mir am Herzen liegen. Wenn man damit noch Geld verdienen kann, wäre das toll.“ Seinen Lebensunterhalt finanziert Sebastian Müller zurzeit mit ganz unterschiedlichen Projekten. Er spielt in mehreren Bands, schreibt für einen Musikverlag Liederbücher, arrangiert Stücke für andere Musiker, nimmt Musikstücke auf oder mischt diese ab  und produziert CD's. Besonders liebt er die Vielseitigkeit dabei: „Anstrengend, aber schön.“

Für später kann er sich vorstellen, mit einer Band auf Tournee zu gehen. Oder aber auch in einem Tonstudio zu arbeiten und Künstler aufzunehmen. „Das ist keine leichte Branche. Es gehört viel Glück dazu, den richtigen Nerv beim Publikum zu treffen. Mein Ziel ist es aber nicht, berühmt zu werden. Reich wäre schön“, scherzt Müller.

Durch den Förderpreis „Junge Kunst“ hat die Sebastian-Müller-Band nicht nur in der Öffentlichkeit an Aufmerksamkeit gewonnen. Auch Folgeprojekte sind entstanden. So ist in diesem Jahr unter anderem ein Konzert mit der Big Band der Hochschule für Musik geplant sowie eine Weihnachts-CD zusammen mit dem Chor Pop-Up für die Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold.

Zudem sei die Band durch die Auszeichnung der Volksbank-Stiftung noch weiter zusammengewachsen und habe sich auch qualitativ verbessert. Sebastian Müller sieht das entspannt. „Diese Art des Fortschritts kann man erst über einen längeren Zeitraum erkennen. Er geschieht automatisch, indem man sich immer wieder in Frage stellt, Neues kreiert und sich verändert.“ Ein schöner Nebeneffekt sei es, dass sich der Stellenwert der Band bei den Mitgliedern positiv verändert habe: „Heute sind die Mitglieder eher bereit, auch einmal Termine zu verschieben oder ausfallen zu lassen, wenn wir proben wollen. Das war nicht immer der Fall.“

Erst vor wenigen Wochen konnte Sebastian Müller mit seiner Band weitere vier Songs auf CD aufnehmen. „Dies wäre ohne den Förderpreis ‚Junge Kunst‘ nicht machbar gewesen“, freut sich der Musiker. „Gerade in der heutigen Zeit machen viele Leute Musik und es wird immer schwieriger, sich zu finanzieren. Daher ist der Förderpreis heute fortschrittlicher als vielleicht noch vor 20 Jahren.“ Für die Zukunft wünscht sich Sebastian Müller, dass die Menschen „weniger perfektionistisch“ an die Musik herangehen. Die kommerzielle Musikbranche verspreche immer einen tadellosen Klang und beste Qualität. „Aber das ist nicht die Realität.“ Für ein Konzert der Rolling Stones werde viel Geld ausgegeben, aber für eine noch unbekannte Band von nebenan seien meistens schon fünf Euro Eintritt zu viel. „Hoffentlich wird sich das einmal wieder ändern“, sagt Sebastian Müller. „Das wäre dann für mich persönlich ein großer Fortschritt.“