Grenzgänger für eine Woche

Azubis helfen in der Bahnhofsmission

Jahr für Jahr kümmern sie sich um mehr als zwei Millionen Menschen. Sie helfen jedem, sofort, gratis und ohne, dass vorher bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen oder dass man sich bei ihnen anmelden muss. Häufig helfen sie zu Uhrzeiten, zu denen andere Hilfe nicht erreichbar ist – und dies bereits seit weit über hundert Jahren und an mehr als hundert Orten in Deutschland. Die Rede ist von der Bahnhofsmission, die seit diesem Jahr auch Auszubildende der Volksbank kennenlernen.

Die Bahnhofsmissionen sind Einrichtungen der Evangelischen und Katholischen Kirche. In Paderborn wird die Bahnhofsmission in ökumenischer Zusammenarbeit von der Diakonie und IN VIA Paderborn e.V. Katholische Mädchensozialarbeit getragen. Auch heute noch ist sie ein Treffpunkt für hilfsbedürftige Menschen, unabhängig davon, welche Art von Unterstützung sie benötigen. Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter arbeiten eng zusammen, um den Menschen dort bestmöglich zu helfen.

Im letzten Jahr stellte die Bahnhofsmission Paderborn unter der Leitung von Sabine Bergmaier der Volksbank das Projekt „Grenzgänger“ vor. Ziel des Projektes ist es, junge Menschen in Ausbildung und Studium im Hinblick auf ihre persönlichen und sozialen Umgangsformen sowie ihre fachlichen Kompetenzen zu stärken.

Gleich 13 Auszubildende der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold meldeten sich freiwillig, um an dem Projekt „Grenzgänger“ in der Bahnhofsmission Paderborn teilzunehmen: Elisa Leyk, Leonie Oberdick, Ines Hausmann, Jan Eilebrecht, René Jahn, Marc-André Bartnitzky, Annika Fornefeld, Kristijan Tonic, Lukas Dreier, Marvin Bodenberger, Katja Sicken, Franziska Reinhold und Carina Twiste. Sie waren nacheinander für jeweils eine Woche vor Ort und brachten sich in die tägliche Arbeit der Bahnhofsmission ein. Dazu zählt nicht nur, Reisenden, sondern auch Ratsuchenden und Obdachlosen Hilfe und Gehör zu schenken. Das Rüstzeug dafür erhalten die jungen Leute in einem Einführungsworkshop, in dem sie auf ihren Einsatz vorbereitet und für viele Themen sensibilisiert werden.

Mitte Januar war es für Elisa Leyk soweit. Die 21-Jährige trat ihren Dienst in der Bahnhofsmission an. Die Tage dort unterschieden sich von den anderen schon insofern, dass die Kleidung sich auf Jeans, Sweatshirt und lange Unterhosen beschränkte. Praktisch musste sie sein und warm, denn oftmals war die Auszubildende auch auf dem Bahnsteig oder in der Bahnhofshalle unterwegs. Circa 30 Mitarbeiter sind ehrenamtlich in der Bahnhofsmission in Paderborn tätig – viele nur ein bis zwei Tage in der Woche für vier Stunden. Meistens sind immer drei bis fünf Leute gleichzeitig im Einsatz und zwar in zwei Schichten.

Die Arbeit in der Bahnhofsmission ist Teamarbeit. Zu den Hauptaufgaben von Elisa Leyk gehörte das Servieren von Kaffee und Broten, sich mit den Hilfesuchenden zu unterhalten sowie am Bahnsteig zu helfen oder Auskunft zu erteilen. „Oft merkte man den Menschen an, wie dankbar sie waren, dass sich jemand zu ihnen setzte, ein offenes Ohr für sie hatte und sich ganz ,normal‘ mit ihnen unterhielt“, berichtet Elisa Leyk. „Die Menschen, die die Bahnhofsmission aufsuchen, waren sehr unterschiedlich und meist über 65 Jahre alt. Einige waren obdachlos und wollten sich aufwärmen und eine Mahlzeit zu sich nehmen. Andere haben jemanden zum Reden bei einer Tasse Kaffee gesucht, weil sie allein zu Hause wohnen“, berichtet Marc-André Bartnitzky. „Ich habe viele verschiedene Menschen kennengelernt, die vor allem sehr unterschiedlich auf andere Menschen reagiert haben“, bestätigt auch Leonie Oberdick.

Die Mahlzeiten erhält die Bahnhofsmission von der „PaderbornerTafel“, die restlichen Lebensmittel kauft sie dazu. Bei Bedarf gibt sie auch Kleidung heraus. Gerade im Winter ist warme Kleidung sehr gefragt. „Viele Menschen haben finanzielle, soziale, aber auch psychische Probleme. Auch Drogen- und Alkoholprobleme stehen auf der Tagesordnung. Sie wurden von der Gesellschaft ausgegrenzt.
Daher nutzen sie die Bahnhofsmission, um mit anderen Menschen Kontakt zu knüpfen“, meint Jan Eilebrecht.

In ihrem Dienst Mitte Januar erlebte Elisa Leyk hautnah, wie ein Wohnungsloser in Socken in die Bahnhofsmission kam, da ihm seine Schuhe in der Nacht gestohlen worden waren: „Das sind Erlebnisse, die einem schon sehr nahe gehen.“

Die Arbeit in der Bahnhofsmission war auch an den Gleisen gefragt. Zu den Stoßzeiten, einmal pro Stunde, halfen die jungen Leute insbesondere alten Menschen und Müttern, die allein oder mit Kinderwagen reisten. Auch Fragen von unsicheren Reisenden beantworteten sie.

„Ich habe gesehen, dass es viele Menschen gibt, denen selbst das Lebensnotwendige fehlt. Diese Menschen trifft man bei uns in der Bank nicht an“, so Marc-André Bartnitzky. Wie sehr sich Menschen über einfache Sachen wie Brot und Kaffee freuen können, war für Jan Eilebrecht ein prägendes Erlebnis. „Heute gehe ich weniger voreingenommen auf Kunden zu“, berichtet er. „Ich weiß nun, dass wir gerade auf Menschen, die am Existenzminimum leben, ein besonderes Auge haben sollten. Sie  benötigen unsere Unterstützung in ihrer Lebenslage.“ Und auch Leonie Oberdick hat erfahren, wie viele verschiedene Gründe es geben kann, obdachlos zu werden: „Ich denke, dass ich nun Menschen besser verstehen kann beziehungsweise sie nicht sofort verurteile. In die Bank kommen meistens Menschen, die relativ geordnete finanzielle und familiäre Verhältnisse haben. Es ist aber sehr spannend, Menschen kennenzulernen und ein Stück im täglichen Leben zu begleiten, die sich in einer anderen Lebenssituation befinden.“

„Mir wurde klar, dass nicht viel dazugehört, um plötzlich vom angesehenen Mitglied der Gesellschaft in eine aussichtslose Außenseiterposition zu rutschen und den Halt im Leben völlig zu verlieren“, berichtet Elisa Leyk. „Eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde und die mir klarmacht, dass ich dankbar sein muss für das Leben, das ich führe.“

Alles in allem war es eine sehr spannende und kurzweilige Woche mit einer Menge neuer Eindrücke für die Auszubildenden. Nicht nur die Mitarbeiter der Bahnhofsmission fanden es schön, dass sich die Auszubildenden engagiert haben. Vor allem die Hilfesuchenden brachten ihnen überwiegend große Dankbarkeit und Wertschätzung entgegen.

Während sich Elisa Leyk in Zukunft einmal im Monat in der Bahnhofsmission ehrenamtlich engagieren möchte, waren sich alle anderen Auszubildenden einig, dass der Einsatz ruhig über zwei Wochen gehen kann. Das Projekt wird auch weiterhin von zukünftigen Ausbildungsjahrgängen begleitet.